Pastor Filthaus: Den Menschen sehen – in seinen Stärken und Schwächen

29.12.2011

Im Jahresrückblick auf schalke04.de verrät Norbert Filthaus, Pastor der Arena-Kapelle, selbst eingefleischter Knappen-Fan und Dauerkartenbesitzer seit der ersten Arena-Stunde, was er bei der Rückkehr von Manuel Neuer dachte, was er sich für Ralf Rangnick wünscht und warum ihm ein gewisser Herr Großkreutz einen der schönsten Augenblicke des Jahres beschert hat.

Norbert Filthaus, seit Manuel Neuer seinen Wechsel zum FC Bayern München bekanntgegeben hat und als er auf Schalke zurückkehrte, beschimpften ihn einige Fans als „Judas“…

Norbert Filthaus blickt auf die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate zurück.|Copyright: Karsten RabasFurchtbar! Da war ich mit dem Verhalten eines großen Teils der Fans nicht einverstanden. Auch das große Banner mit der fingierten Todesanzeige fand ich ein Stück weit menschenverachtend. Ich muss vor einem Menschen doch Respekt haben. Wenn die Fans einmal gezeigt hätten: ‚Wir pfeifen einmal und zeigen Dir, es tut uns leid.‘ Oder: ,Wir sind sauer.‘ Aber diesen üblen Dauerton anzustellen, das hat mir nicht gefallen. Man muss eines mal deutlich sehen: Keiner ist Eigentum der Fans oder des Vereins. Das ist ein eigener Mensch, der seinen Lebensweg gehen muss – so schade das für uns ist. Aber man muss ihn auch ziehen lassen. Das gehört auch zur menschlichen und sportlichen Reife. Manuel muss sich auch woanders beweisen.

Wie haben Sie reagiert, als sich Neuer im Bayern-Trikot vor der Südkurve warmgemacht hat?
Als Manuel im roten Dress auf uns zulief, haben sich mir Herz und Magen umgedreht. Es war und ist immer noch furchtbar. Aber er bleibt für mich auch akzeptabel als Schalker, wenn auch als etwas verdeckter Schalker. Das verliert sich doch nicht, und er ist doch ein toller Typ, eine tolle Persönlichkeit. Ich halte weiterhin zu ihm – bis hin zu der Einstellung, dass ich den Bayern viele Gegentore wünsche, aber eigentlich auch nicht möchte, dass Manuel hinter sich greifen muss. Da ist eine gewisse Schizophrenie nicht zu verleugnen (lacht).

Um biblisch zu bleiben: Hoffnung auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes?
Ja, das Bild ist mir sympathischer als das von Judas. Ich würde mich freuen, wenn er einmal bei uns auf Schalke seine Karriere abschließt.

Ralf Rangnick musste wegen Erschöpfung seinen Job als Schalker Chef-Trainer aufgeben. Droht das Geschäft ein Stück weit unmenschlich zu werden?
Kann man sicherlich sagen. Es steht unwahrscheinlich viel auf dem Spiel, da werden ungeheure Summen an Geld abgerufen. Die Vereine müssen auf ihr wirtschaftliches Wohlergehen achten. Der Druck kommt von allen Seiten und wird medial verstärkt. Das Ziel der seelischen Gesundheit gilt natürlich auch für die Menschen auf den Trainerbänken und in den Vorstandsetagen. Umso respektabler ist, wenn jemand dann sagt: ‚Es geht nicht mehr. Ich muss mal raus.‘ Wichtig ist jetzt aber, dass man die, die den Mut haben, eine Auszeit zu nehmen, wieder reinlässt. Sie hinterher nicht mit einem Makel behaftet. Das wäre die Bewährungsprobe. Jetzt muss auch mal bewiesen werden, dass so eine Auszeit nicht als Schwäche ausgelegt wird. Ralf Rangnick hat doch seine überragenden strategischen Fähigkeiten nicht verloren. Wenn er seelisch wieder gesundet und erholt ist, kann er doch in einem Topjob weitermachen. Wir brauchen mehr Achtsamkeit gegenüber der eigenen Psyche und ein Umfeld, in dem sich eine Psyche-Hygiene entwickeln kann. Es muss eine andere Kultur entstehen von allen Seiten: den Menschen zu sehen in seinen Stärken und auch seinen Schwächen.

Umstritten war und ist der Mensch Felix Magath. Er hat Schalke tief gespalten. Wie urteilen Sie über das Kapitel Magath?
Norbert Filthaus: Es muss eine andere Kultur entstehen von allen Seiten: den Menschen zu sehen in seinen Stärken und auch seinen Schwächen.|Copyright: Karsten RabasDie Erfolge unter ihm haben erst einmal überzeugt. Aber als dann deutlich wurde, wie sehr er und sein Stab die Alleinherrschaft ausübten, habe ich das zunehmend kritischer gesehen. Und dann der Versuch, angesichts des schlechten Saisonstarts mit immer neuen Spielern doch noch etwas zu reißen – der war fragwürdig. Wie deutlich Magath sich abgegrenzt hat vom Fantum und wie wenig emotional er sein wollte, das passte einfach nicht zu Schalke. Wir sind eben nicht bloß Fans – wir sind Schalker! Es ist unser Verein. Es war ein Stück weit eine Enteignung. Magath hat die Schalker Seele nicht nur nicht gestreichelt, sondern sie auch nicht verstanden und nicht begriffen, was er mit den Fans für ein Kapital hatte.

Können Sie Markus Merk den folgenreichen Pfiff vom 19. Mai 2001 verzeihen?
Oh, jetzt wird’s schwer. Auch ein Pfarrer kommt an seine Grenzen (lacht). Es war auch von Sky eine gewisse Provokation, ihn vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern vor die Südkurve zu setzen. Die Reaktionen der Fans waren doch absehbar. Sportliches Verhalten heißt jedoch faires Verhalten und Gastfreundschaft. Wir haben mit der Arena einen so schönen Ort, an den auch Gäste kommen, und Gäste behandle ich mit Respekt. Das gilt auch für Schiedsrichter. Dass Merk uns nie mehr gepfiffen hat, fand ich absolut richtig. Hätte ich auch nicht ertragen. 2001 ist die wundeste Stelle, die man als Schalker haben kann. Die Fans hätten ja ruhig einmal pfeifen können. Stevens hat ihm die Hand gegeben – fand ich prima, das war ein Zeichen. Aber mit Bierbechern auf einen Menschen zu werfen, ist völlig bekloppt. Wenn die Integrität anderer verletzt wird, geht das gar nicht. Hass, Häme und Gewalt sind nicht nur für einen Christen, sondern für jeden vernünftigen Zeitgenossen völlig indiskutabel.

Der Schalker Kreisel hat unlängst einen englischen Fan getroffen, der meinte: ‚Huub Stevens ist der Messias‘. Der übertreibt aber schon ein bisschen, oder?
Ja. So würde sich Huub Stevens ja auch selbst gar nicht sehen. Aber er ist ja nicht umsonst von den Fans zum Jahrhunderttrainer gewählt worden. Es ist immer etwas schwierig, wenn man Dinge wiederholen will. Ich war bei seiner Rückkehr mit meiner Zuversicht auch etwas verhalten. Aber jetzt zeigt sich, dass er sehr deutlich weiß, wo er ist, und er einem das Gefühl gibt, dass er versteht, was das Schalker-Sein ausmacht und wie sehr man die Fans mitnehmen muss. Ich freue mich, dass er da ist.

Ihr schönstes Schalke-Erlebnis im zurückliegenden Jahr?
Natürlich der Pokalsieg. Ich war mit meinem Sohn beim Public Viewing, die Stimmung war grandios. Aber auch – selbst wenn es vom Titel her nicht so hoch angesehen ist – der Supercup. Dass wir unseren östlich liegenden Konkurrenten besiegt haben, das war einfach zu schön. Und dass der Herr Großkreutz den Elfmeter verschossen hat, das war eine tiefe Genugtuung (lacht). So kann 2012 weitergehen. 

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