Gazprom

31.12.2015

Von ganzem Herzen

Gerald Asamoahs Zeit auf dem Rasen endet im Mai 2015 auf dem Regionalliga-Platz in Wanne-Eickel. Zweite Mannschaft, ein paar Hundert Fans, Schulumkleiden. Auf den unbeteiligten Beobachter mag das trist wirken für den Abschluss einer großen Karriere. Doch genau betrachtet, ist es das keineswegs.

Was Gerald Asamoah, was Asa für Schalke bedeutet, zeigt sich am 14. November in der VELTINS-Arena: Mehr als 61.000 Fans haben sich auf den Weg zum Abschiedsspiel gemacht, um ihren Helden zu feiern – ausverkauft! Aufgrund der Terroranschläge in Paris am Vorabend steht die Veranstaltung unter keinem guten Stern. Doch Asamoah findet wie so oft intuitiv die richtigen Worte und Gesten. Er will dieses Spiel, um ein Zeichen zu setzen: Jetzt erst recht! Wir lassen uns von Terroristen nicht unterkriegen! Und am Ende verschmilzt die Stimmung mit einem würdigen Goodbye für diesen beliebten Schalker.

Gerald Asamoah schwebt einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris mit der französischen Fahen in die VELTINS-Arena zu seinem Abschiedsspiel ein. Copyright: Gerd Kämper

Dass er mehr als 15 Jahre, nachdem er das erste Mal in Gelsenkirchen aufgeschlagen ist, solch einen Abend erleben kann, hat er sich immer und immer wieder erarbeitet. Asamoah spielt 2002 als erster schwarzer DFB-Nationalspieler und Königsblauer in einem WM-Finale, gewinnt Pokale, ist jahrelang Profi. Man vergisst dabei manchmal, dass dieser Weg kein geradliniger, kein selbstverständlicher ist. In Hannover setzt er sich in der Jugend durch, obwohl es sicherlich Talentiertere gibt als ihn. Er ist noch keine 20, als eine Herzkrankheit seine Zukunft als Leistungssportler existenziell in Frage stellt. Doch Asamoah steckt nicht auf. Er bleibt dran, er kommt zurück, er kalkuliert das Risiko und entwickelt sich zu einem Mann auf dem Platz, dessen Spiel ironischerweise trotz eines Herzfehlers von mehr Herz geprägt sein soll als bei vielen anderen. Er füllt „hart arbeiten“ und „alles geben“ mit Leben, Schweiß und Tränen. Sicher ist es auch diese Art zu spielen, die ihn bei den Fans zunehmend beliebter werden lässt.

Asa mit seinem Sohn Jaden vor der Nordkurve. Gerade ist sein letztes Spiel abgepfiffen worden. Copyright: Karsten Rabas

Vor allem aber wird Schalke mit den Jahren Teil seiner Identität, seiner DNA. Asamoah entwickelt ein feinfühliges Gespür dafür, wie der S04 und dessen Fans ticken. Autogramme, Fotos, unzählige Gespräche – er nimmt sich Zeit für die Menschen, sucht den Kontakt und wird, so sagen sie es selbst: „Einer von uns.“ Einer, der beim Auflaufen in Dortmund als Letzter raus will, damit er die geballte Abneigung für sich allein hat. Er kann so etwas genießen. Und er weiß spätestens seit dem verfluchten 19. Mai 2001, wie dreckig man als Königsblauer leiden kann. Auch das gehört dazu.

Asamoah steht stets für das Positive. Das ist seine Gabe: Er erkennt den Moment, trifft den Ton, begeistert Leute und reißt sie mit dem markenschutzwürdigen Lachen mit. Er ist ebenso wenig perfekt wie jeder andere, besitzt aber das Charisma, das einen Raum, eine Bühne, ein Stadion füllen kann. Auch deshalb wird er eine Symbolfigur für die Integration in Deutschland, ein Botschafter der guten Sache, der von Schulen im Ruhrpott bis ins Auswärtige Amt gefragter Gesprächspartner ist.

Genauso wie in Sportredaktionen. Ein Journalist fragte Asamoah mal, ob er es als junger Spieler heute noch zum Profi schaffen würde. Die Frage sollte aber vielmehr lauten, was junge Spieler heute von jemandem wie Gerald Asamoah lernen können. Lektionen in Einsatzwillen, Kampfbereitschaft, Herz und die Erkenntnis, dass Einstellung nicht nur ein Lippenbekenntnis sein sollte, werden jedenfalls niemandem schaden.

Asa nach seiner letzten Schicht mit der U23 in der Regionalliga. Copyright: Benjamin Neumann

Auch deswegen kehrt er 2013 zurück und schließt sich der U23 an. Er muss das nicht machen. Aber er will, und er freut sich auf die Verteidiger, die ihn hart rannehmen. Er, der ehemalige Nationalspieler, die „lebende Schalker Legende“, lässt sich in den zwei Jahren nicht hängen, selbst wenn die Knochen merklich schmerzen. Er will den Jungs etwas mitgeben von seiner Erfahrung. Also haut er sich auf den Plätzen in Verl, Essen-Kray oder Rheda-Wiedenbrück genauso rein wie damals in München, Barcelona oder beim BVB. „Es ist, als ob du wieder zum Anfang deiner Karriere zurückkehrst“, sagt der 37-Jährige. Er meint das positiv.

Der Abschied damals im beschaulichen Wanne und in der vierten Liga ist demnach ein würdiger Moment. Weil hier ein Spieler geht, der überhaupt nicht hier sein müsste, der sich aber bewusst für diesen Weg und für seinen Verein entschieden hat. Dem das Ganze etwas bedeutet, der auf der Tartanbahn vor den Fans hemmungslos weint, während sie ihm huldigen. Sie wissen: Er war sich für all das nicht zu schade. Er war sich nie zu schade. Und dafür lieben sie ihn auf Schalke.