Gazprom

01.03.2016

Der „Stürmer ohne Nerven“ trifft doppelt

Befreiungsschlag im Kellerduell:  Am 2. Dezember 1967 erspielte sich der FC Schalke 04 einen überzeugenden 3:0-Heimerfolg gegen den Hamburger SV und verschaffte sich durch den dritten Sieg in Folge Luft im Abstiegskampf. Mann des Tages war ein Stürmer, der nach einer langen Zwangspause zur Höchstform auflief, später aber auf die schiefe Bahn geraten sollte.

In den ersten Jahren der neu gegründeten Bundesliga schlugen sich der FC Schalke 04 und der Hamburger SV mehr schlecht als recht durch die Spielzeiten. Im Herbst 1967 fanden sich beide Vereine im Tabellenkeller wieder. Vor allem auf Schalke war die Situation bedrohlich. Nach 13 Spieltagen standen die Knappen mit mageren fünf Punkten am Tabellenende. Doch dann folgten Siege gegen die direkten Konkurrenten Karlsruher SC und Borussia Neunkirchen.

Der Aufschwung wurde vor allem an Willi Kraus festgemacht, der nach einem Autounfall mit einem doppelten Armbruch lange ausgefallen war, jetzt aber ins Team zurückgekehrte und allein in den vergangenen beiden Partien dreimal getroffen hatte. Damit hatte der Angreifer bereits einen Teil seines Versprechens an die Mannschaft eingelöst: „Ihr könnt euch darauf verlassen, dass ich keine Sense mehr mache. Ich verspreche euch, Tore zu schießen, damit ihr einen Teil der Prämien wieder hereinholt, die ihr durch meinen Ausfall verloren habt.“

Gegen den Hamburger SV waren die nächsten beiden Punkte fest eingeplant. Zumal Schalke in der Bundesliga bis dato alle Heimspiele gegen die Hanseaten gewonnen hatte. Auch die Fans standen wieder hinter ihrem Team. Das bekam Verteidiger Friedel Rausch in seinem Tabakwarenladen hautnah mit: „Noch nie habe ich im Vorverkauf so viele Karten an den Mann gebracht wie für das Spiel gegen den HSV. Ich habe schon Nachschub bestellt.“

Den Gästen steckte unterdessen das schwere Europapokalspiel gegen Wisla Krakau in den Knochen. Immerhin nahmen sie den Schwung eines 4:0-Erfolgs gegen den polnischen Pokalsieger mit ins Ruhrgebiet. Davon war aber in der Glückauf-Kampfbahn nichts zu sehen. Die Hamburger Defensivtaktik war jedenfalls schon nach rund 20 Minuten überholt, nachdem Kraus und Hans-Jürgen Wittkamp für die Knappen getroffen hatten. Kurz vor der Pause legte Kraus sogar das 3:0 nach und verleitete Schalkes Präsidenten Günter Siebert zu einem überschwänglichen Lob: „Der Willi ist ein Stürmer ohne Nerven.“

Auch in den folgenden Wochen punktete Schalke zuverlässig und hatte genau wie der HSV mit dem Abstiegskampf schnell nichts mehr zu tun - auch dank der Tore von Kraus, der in den Spielzeiten 1966/1967 und 1967/1968 in 36 Bundesliga-Spielen 16 Tore für die Knappen erzielte. Seine mit so großen Hoffnungen gestartete Karriere endete aber tragisch: Wegen der Beteiligung an einem Banküberfall wurde er 1969 zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Später folgten weitere Haftstrafen von zehn und fünf Jahren. Kraus, der schon in der Schalker Jugend unter anderem zusammen mit Stan Libuda und Hans-Jürgen Becher gespielt hatte, hätte sich im November 2008 erneut vor dem Landgericht Essen wegen eines Waffendeliktes verantworten müssen, verstarb jedoch am 19. Oktober 2008 im Westerwald. In Erinnerung bleibt den Schalker Fans aber vor allem das Bild eines eiskalten Torjägers, den Willi Koslowski einmal so beschrieb:  „Er war ein eisenharter Stürmer mit einem guten Schuss. Wenn er vor eine Bande getreten hat, hat der kaum etwas gemerkt.“

Tags: Hamburger SV