Viertelfinale, 17. März 1998, Parkstadion Gelsenkirchen
FC Schalke 04: Lehmann - Eigenrauch, Thon, Kurz - Latal, Van Hoogdalem, Wilmots, Nemec (110. Müller), Büskens (82. Anderbrügge) - Eijkelkamp (78. Goossens), Max
Inter: Pagliuca - Bergomi - Colonnese, West, Zanetti - Moriero (82. Rivas), Cauet, Ze Elias, Simeone - Zamorano (64. Kanu), Ronaldo (112. Recoba)
Tore: 1:0 Goossens (90.), 1:1 West (92.)
Gelbe Karten: Wilmots, Eijkelkamp, Thon - Ze Elias, Simeone, Moriero, Colonnese, West
Schiedsrichter: Gilles Veissiere (Frankreich)
Zuschauer: 56.824 (ausverkauft)
The dream is over - der FC Schalke 04 verabschiedete sich mit einer grandiosen Leistung aus dem diesjährigen UEFA-Cup und trennte sich vom Finalgegner von 1997 erst nach Verlängerung unglücklich mit 1:1. Der Traum von der Titelverteidigung im Uefa-Cup währte für Schalke 04 nur 60 Sekunden: mit seinem Tor in der ersten Minute der Verlängerung zum 1:1 entschied der Nigerianer West die Neuauflage des Vorjahresfinals für Inter Mailand und verhinderte den durchaus möglichen und sicher auch verdienten Halbfinaleinzug des starken Bundesligisten.
Mit einem Sonntagsschuß in den Winkel hatte Michael Goossens in der Nachspielzeit der regulären 90 Minuten das 0:1 aus dem Hinspiel ausgeglichen und damit Hoffnungen auf ein Weiterkommen geweckt. Niemand im Stadion hatte wohl zu dieser Zeit mehr auf die Sensation spekuliert, aber die Geduld, die das Team von Huub Stevens aufbrachte, wurde doch noch belohnt. Orkanartige Jubelstürme gingen durch das Parkstadion und auch in den heimischen Wohnzimmern ist wohl so mancher Freudenschrei zu hören gewesen.
Was zunächst wie ein erneutes Fußballwunder erschien, sollte sich schon kurz nach Beginn der Verlängerung in einen bösen Traum verwandeln: das erste Gegentor auf heimischem Boden nach 930 Minuten versetzte dem Titelverteidiger den k.o. - die tapferen Schalker hatten dem nichts mehr entgegenzusetzen. Dennoch hatte man auch in den ersten 90 Minuten genug Gelegenheiten, um Inter zu besiegen:
Die 56.824 Zuschauer im ausverkauften und für diesen Festtag blau-weiß geschmückten Parkstadion verwandelten die Arena schon vor dem Anpfiff in ein Tollhaus - die italienischen Spieler konnten schon ahnen, was auf sie zukam.
Die zentrale Frage der vergangenen Tage nach dem Bewacher von Superstar Ronaldo war schon nach wenigen Sekunden beantwortet, braucht aber in einem Spielbericht nicht sonderlich erwähnt werden. Yves Eigenrauch heftete sich bei seinem ersten Einsatz von Beginn an (seit acht Monaten) an die Fersen des Weltfußballers der Jahre 1996 und 1997 und verurteilte den Brasilianer zur Wirkungslosigkeit. Nach 112 Minuten verließ Ronaldo ohne nennenswerte Aktion das Feld - im Gegenteil, er mußte dem Publikumslieblig sogar einige Male hinterherlaufen und in der Defensive aushelfen.
Die Hausherren erarbeiteten sich sofort klare Vorteile im Mittelfeld, wo der offensiv agierende Libero Thon die Schaltzentrale war. Der Nationalspieler kurbelte fast alle Angriffe an und war einmal mehr überragender Mann auf dem Platz. Gegen die neuformierte Inter-Abwehr um den europäischen Rekordspieler Bergomi - er bestritt sein 106. Europacupspiel, für Schalke war es die 51. internationale Begegnung - spielten die "Knappen" eine Reihe von guten Chancen heraus. Wilmots (6.) verzog aus vollem Lauf, van Hoogdalem (16.) prüfte per Kopf Pagliuca, Max zielte aus der Drehung über das Inter- Tor (27.).
Von den Gästen war kaum etwas zu sehen. Der Tabellendritte der Serie A reaktivierte den Catenacchio, mit dem der Verein in den sechziger Jahren internationale Erfolge gefeiert hatte. Über weite Phasen der ersten Halbzeit tummelten sich alle zehn Feldspieler in der eigenen Hälfte und machten die Räume gegen die besonnen angreifenden Schalker eng. Die einzige Gelegenheit bot sich dem Chilenen Zamorano (38.), dessen Kopfball jedoch über das Tor strich. Auf der Gegenseite hatte Max die Pausenführung auf dem Fuß, verstolperte den Ball jedoch nach toller Kombination über Thon und van Hoogdalem.
Max rückte drei Minuten nach dem Wechsel sofort wieder in den Blickpunkt, als er nach schöner Vorarbeit von Büskens erneut nur knapp verzog. Zwar blieb der Bundesligist optisch weiter überlegen, doch vor dem Tor der Italiener fehlte der letzte Biß. Da auch Inter weiterhin kaum aus der Reserve zu locken war, blieben Höhepunkte in beiden Strafräumen Mangelware. Selbst der hochgelobte Ronaldo trat nur zweimal aus dem Schatten von Eigenrauch. Ein harmloser Schußversuch nach gut einer Stunde endete in den Armen von Lehmann, fünf Minuten vor Schluß verfehlte er das Tor nur knapp. Schalke rannte am Ende mit dem Mute der Verzweiflung an und wurde durch Goossens Treffer in der Nachspielzeit für das nie erlahmende Engagement belohnt.
Die Verantwortlichen von Inter bedrängten nach Abpfiff vehemment Schiedsrichter Veissiere aus Frankreich, woraufhin der Unparteiische beide Teams in die Kabinen schickte und damit für ein Novum sorgte. Die Pause bekam den Schalkern jedoch überhaupt nicht. Nach dem Ausgleich von West war die Luft heraus, auch wenn Wilmots (102.) und van Hoogdalem (112.) den Sieg noch auf dem Fuß hatten. Die Mannschaft gab sich nicht auf, auch wenn das Unterfangen schließlich zum Scheitern verurteilt war.
So war dann auch die Stimmung nach dem Abpfiff sehr gedrückt:
Libero Olaf Thon: "Wir sind nah dran an den Tränen. Es war so schön, in der 90. Minute das Tor zu schießen. Schade, wir haben über 100 Minuten dagegengehalten. Die Chance war da, wir haben durch einen Big Point des Gegners verloren, das müssen wir akzeptieren."
120 Minuten lang kämpften und spielten die ersatzgeschwächten Schalker mit viel Herz und Engagement - und standen am Ende doch mit leeren Händen da. Gegen die Fußball-Minimalisten vom "Stiefel", die dem Ruf eines internationalen Spitzenteams weitgehend schuldig blieben, fehlte im Angriff die Abgeklärtheit und das nötige Quentchen Glück. So entschied eine Unaufmerksamkeit in der Abwehr gegen die wackeren "Knappen", die von den Fans trotz des Scheiterns gefeiert wurden, denn gerade die haben gemerkt, was alles in ihrem Team steckt - mit dieser Einstellung sollten auch in der nächsten Saison wieder Europapokalspiele im Parkstadion möglich sein.
Alles in allem ein historischer Fußballabend, der leider sehr traurig zu Ende gegangen ist. Wenn man an die 20 Europapokalspiele dieses Teams, mit tollen Leistungen und dem krönenden Finalsieg 1997 zurückdenkt, dann kann man den Gesang der Fans wahrlich verstehen:
"Wir sind stolz auf unser Team - FC Schalke !!!"